Zum Inhalt springen
Silberfaden Geschichten von Johannes G. Weber
Kapitel 6 · Ehrlichkeit · zum Vorlesen ab 8

Das Glasdorf

Eine Geschichte über Ehrlichkeit für Kinder, in der jede Lüge einen Riss ins Glas macht.

  • WertEhrlichkeit
  • Vorlesezeitetwa 10 Minuten
  • Im MittelpunktLea, 12
Lea steht im Glasdorf neben einer umgekippten Laterne. Ein Riss läuft über den Platz, die Dorfälteste aus Glas kommt näher.

Worum es geht

Lea wirft in der leeren Turnhalle einen Ball zu fest, und quer über die Pokalvitrine läuft ein Sprung. Niemand hat es gesehen. Am nächsten Tag steht ein Junge aus der Sechsten unter Verdacht, und Lea sagt: „Ich musste gleich heim.“ Ab da muss sie sich merken, wem sie was erzählt hat. Die Liste im Kopf wird mit jeder Frage länger.

Am Abend springt Team Kaleidos ins Glasdorf. Dort ist alles durchsichtig: die Häuser, die Türen, sogar die Leute. Ein ehrlicher Satz klingt hell wie ein Glöckchen. Eine Ausrede macht einen Riss ins Glas, und der Riss wächst. Auf einer Bank sitzt der Merker, trüb wie eine alte Flasche, und murmelt den ganzen Tag, wem er was erzählt hat.

Wie Lea den Riss aufhält, bevor er den singenden Brunnen erreicht, lest ihr am besten selbst. Nur so viel: Es geht leichter, als sie denkt.

Das Glasdorf in 10 Sekunden · ohne Sprache
Aus Kapitel 6

Eine Szene zum Hineinlesen

Auf dem Dorfplatz begegnen die sechs Freunde dem Merker.

Am Rand des Platzes saß ein Glasmann auf einer Bank. Er war der Einzige im Dorf, durch den man nicht hindurchsehen konnte. Sein Glas war trüb wie eine alte Flasche. Er murmelte vor sich hin, ohne Pause.

„Dem Bäcker hab ich gesagt, ich war krank. Der Nachbarin, dass ich verreist war. Meiner Schwester, dass ich keine Zeit hab. Dem Bäcker krank, der Nachbarin verreist …“

„Wer ist das?“, fragte Frida leise.

„Wir nennen ihn den Merker“, sagte die Dorfälteste. „Er muss sich alles merken, was er einmal erzählt hat. Deshalb hört er nie auf zu murmeln. Und deshalb geht er nur noch auf Umwegen, damit er niemanden trifft, dem er etwas anderes erzählt hat.“

Sam stellte sich vor die Bank. „Warum sagst du nicht einfach, wie es war?“

Der Merker sah ihn an, als wäre das eine sehr schwere Frage. „Wie es war?“ Er dachte lange nach. „Das weiß ich gar nicht mehr so genau.“

Weiterlesen: das ganze Kapitel gratis
Lea schaut ihrem Spiegelbild in der Glaswand eines Hauses ruhig in die Augen.

Der Merksatz aus dem Buch

Im Glasdorf sah man durch jedes Haus bis ans Ende der Straße, weil niemand etwas verstecken musste. Die Wahrheit musst du dir nicht merken. Eine Lüge schon, und meistens kommt bald eine zweite dazu. Wer ehrlich ist, zuerst zu sich selbst, geht gerade und leicht.
Zum Nachdenken: Bei wem kannst du ganz ehrlich sein, ohne vorher nachzudenken? Und wer kann das bei dir?
Für Eltern und Großeltern

Wenn Kinder flunkern

Fast jedes Kind probiert irgendwann aus, ob eine Ausrede durchgeht. Das ist normal und gehört zum Großwerden. Das Glasdorf zeigt ein paar Dinge, die im Alltag helfen können:

  • Die Wahrheit leicht machen

    Als Lea am Montag alles erzählt, sagt ihre Lehrerin: „Danke, dass du es mir sagst. Glas kann man ersetzen.“ Wer für die Wahrheit zuerst ein Danke bekommt, sagt sie beim nächsten Mal eher wieder. Über die Folgen kann man danach in Ruhe reden.

  • Keine Fallen stellen

    Wenn du schon weißt, was passiert ist, frag nicht „Warst du das?“. Sag lieber, was du gesehen hast, und frag, wie es dazu kam. Dann muss dein Kind sich nicht zwischen Wahrheit und Ausrede entscheiden.

  • Über die Liste im Kopf reden

    Lea spürt nicht wegen einer Strafe, wie schwer ihre Ausrede ist, sondern weil sie sich alles merken muss. Dieses Gefühl kennen Kinder. Darüber zu reden wirkt oft mehr als jede Mahnung.

  • Zuerst zu sich selbst

    Bevor Lea es der Dorfältesten sagt, sagt sie es leise ihrem Spiegelbild. Manchmal braucht ein Kind erst einen Moment für sich, bevor es etwas zugeben kann. Diesen Moment darf man ihm lassen.

  • Ehrlich ist auch das Schöne

    Im Glasdorf klingt nicht nur Leas Geständnis hell. Auch Robins „Du bist die Schnellste von uns“ und Bens „Ich weiß nicht, wie man so was repariert“. Ehrlich sein heißt auch, ein Lob auszusprechen und zuzugeben, was man nicht kann.

  • Kleine Ausreden der Großen

    Kinder hören genau hin, wenn ein Erwachsener am Telefon flüstert: „Sag, ich bin nicht da.“ Was für uns eine Kleinigkeit ist, ist für sie ein Beispiel.

Nach dem Vorlesen

Fragen zum Weiterreden

Für Jüngere, 8 bis 10

  • Warum hat Lea zuerst „Der Wind“ gesagt?
  • Was war für Lea schwerer: die Wahrheit zu sagen oder sich alles zu merken?
  • Warum weiß der Merker nicht mehr, wie es wirklich war?
  • Wo der Riss war, blieb eine goldene Linie. Was meinst du, warum?

Für Ältere, 11 bis 14

  • Lea sagt die Wahrheit zuerst zu sich selbst. Warum ist das der schwerere Teil?
  • Tarik sagt am Ende, er hatte gar keinen Ärger. War es trotzdem wichtig, dass Lea es ihm sagt?
  • Gibt es Lügen, die nett gemeint sind? Was hätte das Glasdorf dazu gesagt?
  • Robin sagt etwas Ehrliches, das ihm nicht leichtfällt. Wann hast du zuletzt so etwas gesagt?

Die Frage aus dem Buch: Bei wem kannst du ganz ehrlich sein, ohne vorher nachzudenken? Und wer kann das bei dir?

Zum Ausprobieren

Zwei Ideen für zu Hause

  • Das Glöckchen am Abendtisch

    Ihr braucht ein Glas und einen Löffel. Reihum erzählt jeder einen ehrlichen Satz vom Tag, gern auch etwas, das schiefgegangen ist. Danach tippt jemand mit dem Löffel ans Glas, und es klingt hell wie im Glasdorf. Die einzige Regel: Über das, was beim Glöckchen gesagt wird, schimpft niemand.

  • Die goldene Linie

    Malt ein Haus aus Glas mit einem Riss und zieht den Riss mit einem Gold- oder Gelbstift nach, so wie er im Glasdorf golden wird, nachdem Lea die Wahrheit gesagt hat. Dazu die Frage: Was war bei dir einmal kaputt und ist wieder gut geworden?

Für Schule und Lesegruppe

Eine Stunde im Glasdorf

Das Kapitel passt zu Deutsch, Ethik, Religion und sozialem Lernen, etwa ab der 3. Schulstufe. Ein Vorschlag für eine Unterrichtsstunde:

  1. Das Kapitel vorlesen etwa 10 Minuten
  2. Gespräch mit zwei, drei Fragen von oben 15 Minuten
  3. Die goldene Linie malen oder schreiben: „Ein Tag im Glasdorf. Was würde bei mir hell klingen, was würde knacken?“ 20 Minuten
  4. Zum Schluss den Merksatz gemeinsam lesen 5 Minuten

Ein Unterrichtsblatt zum Ausdrucken ist in Arbeit. Wer das Kapitel mit einer Klasse oder Lesegruppe lesen möchte, schreibt über das Kontaktformular. Zum Kontaktformular

Das ganze Glasdorf lesen

Das Glasdorf ist Kapitel 6 von „Der Herzstern“. Kapitel 1 bis 9 gibt es kostenlos, mit allen Bildern, im Browser oder als E-Book. Kein Abo, keine Kosten.

Gut zu wissen

Häufige Fragen

Für welches Alter eignet sich die Geschichte?

Zum Vorlesen ab 8 Jahren, zum Selbstlesen ab 10. Die Gesprächsfragen für Ältere passen auch für 11- bis 14-Jährige.

Was tun, wenn mein Kind lügt?

Ruhig bleiben, die Wahrheit leicht machen und keine Fallen stellen. Im Glasdorf merkt Lea selbst, wie schwer eine Ausrede wird, weil sie sich alles merken muss. Die Gedanken für Eltern und die Fragen auf dieser Seite helfen, danach darüber zu reden.

Muss man die Kapitel davor kennen?

Nein. Jedes Kapitel ist ein abgeschlossenes Abenteuer. Wer vorher Kapitel 1 liest, kennt das Kaleidoskop und die sechs Freunde, nötig ist es nicht.

Wo kann ich das ganze Kapitel lesen?

Das Glasdorf ist Kapitel 6 von „Der Herzstern“. Kapitel 1 bis 9 bekommst du kostenlos im Browser oder als E-Book, wenn du deine E-Mail-Adresse einträgst. Kapitel 1 kannst du sofort auf der Startseite lesen.

Weitere Welten aus Band 1

Kennst du jemanden, dem diese Geschichte gerade guttun würde?

Mit Freunden teilen: Per E-Mail WhatsApp Telegram